Manfred Wolfhard

Familiengeschichte

Verfolgung - Vertreibung - Integration:

Täufer aus Zürich und die Wolfhards.

Das drückendste Problem im  Kraichgau war nach dem 30-jährigen Krieg die Entvölkerung. Die Herrschaften bemühten sich, neue Siedler zu gewinnen, denn nur eine fleißige und loyale Bevölkerung bürgt für den Wohlstand einer Landschaft und eine Stärkung der Steuerkraft. Schon um 1650 waren die Herren von Venningen ins Elsaß gereist, um Täufer für ihre entvölkerten Dörfer anzuwerben. „Dühren auf dem Kraichgau gelegen ist gleichsam ohnbewohnt und zu Einöden gemacht worden. Damit die Feldgüter wieder gesäubert möchten werden, möchten wir die Aufnahme gestatten den Wiedertäufer Hans Müller und Hans Meyler samt den Vettern, Befreunden und anderen ihresgleichen.“  (1)  Mit diesem leicht übertriebenen Schreiben leiteten die Ortsherren einen größeren Zustrom von Zuwanderern aus der Schweiz ein, die vor der religiösen Verfolgung ins Elsass geflohen waren. Die fleißigen, strebsamen und korrekten Neubürger trugen wesentlich zur wirtschaftlichen Erholung Dührens und des Kraichgaus bei. Allerdings weckten sie auch Ressentiments und Ablehnung, da sie das Schwören und die Kindertaufe ablehnten, außerdem wegen ihrer konsequent pazifistischen Haltung für den Kriegsdienst der Landesfürsten nicht zu gebrauchen waren.

In die Wolfhard-Familie haben Schweizer Einwanderer mehrmals eingeheiratet : 


Anna Hägi, die spätere Frau von Hans Georg Wolffhart (7;7), kam mit ihrer Familie aus Kappel - Uerzlikon im Kanton Zürich. Wann die Familie die Schweiz verlassen hat, lässt sich nicht genau feststellen. Jedenfalls sind alle 14 Kinder des Hans Cunrad Hägi und seiner Frau Vronegg (Veronika) zwischen 1631 und 1655 in Uerzlikon bzw. Kappel geboren, Anna am 09.Okt. 1636. (2) 

Die "Kaserne" in Steinsfurt. Unter der Treppe geht es in den Gewölbekeller, in dem 1662 der Täufergottesdienst stattfand, an dem auch Rudolf Hägi aus Dühren teilnahm.

Von dem ältesten Sohn Rudolf Hägi wird 1662 berichtet, dass er an einem Täufer – Gottes-dienst in Steinsfurt teilgenommen habe. Durch Denunziation war die kurpfälzische Verwaltung aufmerksam geworden, hatte die Versammlung aufgelöst, die Teilnehmer verhört und mit einer Strafe von 100 Reichstalern belegt. (3) Viel Geld damals! Es war dies nicht das erste Mal, dass die Hägi-Familie wegen ihres Glaubens verfolgt wurde. 

Schon 1639 war dieser Rudolf in Uerzlikon verhaftet und in das berüchtigte Täufer-gefängnis Oetenbach eingeliefert worden. Dort wurde er 83 Wochen festgehalten, davon 16 in Ketten. Obwohl zur Festnahme sein Haus umstellt war, gelang seiner Frau Susanne die Flucht vor den Häschern. Noch im Juli 1640 wurde nach ihr gefahndet. Sie stellte sich erst, nachdem die Behörde gedroht hatte, ihr ältestes Kind zu foltern und in Zwangsarbeit zu stecken.

Sie wurde dann ebenfalls in Oetenbach inhaftiert. Am 22. April 1641 gelang ihr zusammen mit ihrem Mann Rudolf die Flucht. Im Elsass fanden sie eine vorläufige Bleibe, bevor sie 1650 auf die Initiative des Venningers nach Dühren übersiedelten.. Auch der Vater Hans Cunrad Hägi saß in Oetenbach ein. Er leistete 1640 im Gefängnis den Verzichteid.  (4) 

Ob nun Anna bereits mit dem Bruder 14-jährig nach Dühren kam oder später vielleicht mit dem Vater nachgefolgt ist, ist nicht überliefert. Sie heiratete jedenfalls am 01. Juni 1657 den 17-jährigen Hans Georg Wolffhart. Wenn dieser in den Unterlagen des Hägi-Clans als Mennonit aufgeführt ist,  (5)   dürfte diese Angabe wohl kaum korrekt sein, denn es ist nicht anzunehmen, dass der alte lutherische Pfarrer einen menno-nitischen Sohn getraut hätte. Wahrscheinlicher ist, dass Anna Hägi das Bekenntnis ihres Mannes angenommen hatte, denn sowohl ihre Hochzeit als auch die Taufe ihrer Kinder sind im lutherischen Kirchenbuch ohne Einschränkung festgehalten. Es ist aber vorstellbar, dass die Heirat des 17-jährigen mit der 20-jährigen Täuferstochter für „angeregte“ Diskussionen in Dührens Pfarrfamilie sorgte.

Alexander II. (8;7), der Sohn des Hans Georg, eiferte seinem Vater nach und heiratete ebenfalls eine ehemalige Täuferin. Am 18.08. 1685 ehelichte er Maria Rößler, die der Pfarrer ausdrücklich als „Jörg Rößlers des alten wieder Täuffers Tochter alhier“  (6)  bezeichnete. Ihr Geburtsdatum ist nirgends vermerkt (geschätzt 1665), wohl weil die Familie bei ihrer Geburt noch dem Täufertum angehörte. Während die Täufer in der Kurpfalz nur eingeschränkte Bürgerrechte hatten, war der Vater der Braut, Jörg Rößler, im ritterschaftlichen Dühren Gerichtsschreiber, hatte also ein öffentliches Amt inne. Bei seiner Tochter Maria kann man annehmen, dass sie vor ihrer Heirat mit Alexander Wolffhart zum lutherischen Protestantismus übergetreten war. Mit den Rößlers hatten die Wolfhards gleich eine doppelte Liaison: Marias Bruder Johann Jacob Rößler heiratete am 04.03.1690 Alexanders Schwester Maria Catharina Wolfhart. Als Zwanzigjähriger „tratt (er)von dero Sect ab und ließ sich allhier uff St. Thomae 1687 tauffen…“  (7)

Ebenfalls eine doppelte Bindung hatten die Wolfhards mit der Familie Landes. Auch diese Familie hatte nach den grausamen Verfolgungen im Züricher Land im Kraichgau eine sichere Bleibe gefunden. Nach dem 30-jährigen Krieg hielt sie sich zunächst in dem venning‘schen Dorf Weiler auf, um schließlich in Eichtersheim endgültig sesshaft zu werden. Um 1700 gab es hier schon vier Familien Landes. (8) Alle sind Nachkommen des Hans Landes (Landis), der als letzter Täufermärtyrer 1614 in Zürich enthauptet worden war. Er hatte sich geweigert, seinen Glauben zu wechseln. Zunächst wurde er zur Galeerenstrafe verurteilt. Nach einer misslungenen Flucht wurde er an Zürich ausgeliefert, verweigerte erneut den Glaubenswechsel  und wurde exekutiert. (9)

 Anna Maria, Tochter des Leonhard Landes aus Eichtersheim, heiratete 1771 den Dührener Bürger und Küfer Johannes Wolffhart (11;12) Sohn des Alexander Wolffhart III. (10;2). Für die doppelte Verbindung der beiden Familien sorgte Anna Marias Bruder Johann Conrad Landes, der fünf Jahre später eine Cousine des Johannes, Anna Christina, heiratete.

.

Anmerkungen:

(1) Wolfgang Vögele: Dühren, aus der Geschichte eines Kraichgaudorfes, Sinsheim 1988., Seite 139.

(2) www.haegi.ca/the haegi-family- europ.html,   Seite 6 (zur Hägi-Familie siehe auch die Angaben im Kapitel "Pfarrerskinder 1, Hans Georg, der Bürgermeister")

(3) Urs B. Lai und Christian Scheidegger: Die Züricher Täufer 1525 bis 1700, Zürich 2007, Seite 261.

(4) Hans-Rudolf Lavater: Von mir, Hans Müller der arm, das sich Gott über uns alli erbarm, Zürcher Täuferakten des 17. Jahrhunderts in der  bayerischen Staatsbibliothek, www.hr-lavater.ch/wp-content/uploads/2012, Seite 146

(5) Siehe Anm. 2.

(6) Liber animarum Seite 105: Hochzeitseintarg des Alexander und der Maria.

(7) Ebd. Seite 115

(8) Einwohnerbuch Eichtersheim, Seite ....

(9) Eine informative Darstellung des Martyriums von Hans Landis steht auf der Website des amerikanischen Landes-Clans "www.atropesend.blogspot.com/.../our-9th-great-grandfather". Hans Landis, a Mennonite Martyr.