Manfred Wolfhard

Familiengeschichte

Georg Johann Wolffhart,  "Magister viator" - Wanderpfarrer im Dreißigjährigen Krieg


Als kurz vor Weihnachten 1601 das siebte Kind in der Nürtinger Dekansfamilie geboren wurde, war seine älteste Schwester bereits 20 Jahre alt. Es war ein bewegtes Jahr für die Familie. Im gleichen Jahr war Heinrich Renz, der Vater von Eleonore gestorben, der mit seiner Frau seinen Lebensabend in Nürtingen verbracht hatte, und am 7. Dezember war das Regensburger Religionsgespräch gescheitert, in welchem sich die Vertreter der Konfessionen ausgiebig beschimpft hatten. Auf evangelischer Seite war Professor Ägidius Hunn beteiligt, ein Großonkel des Neugeborenen. Die Entwicklung ging nun langsam und stetig in Richtung Konfrontation, die sich dann 1618 in dem großen Krieg entlud.

Geburtseintrag des Georg Johann Wolffhart

Aber zunächst stand dem Neugeborenen eine Jugend bevor, die frei von äußeren Bedrohungen war. Wie alle Kinder des Dekanehepaars hatte auch Georg Johann einen privaten Praezeptor, einen Hauslehrer, bei dem er Lesen, Schreiben und die Anfänge des Rechnens lernte. Beim Umzug der Familie nach Alpirsbach war der Junge 9 Jahre alt, und nach zwei Jahren im Schwarzwald ging es für ihn wieder zurück nach Nürtingen an die Lateinschule, die seit 1481 bestand und eine der renommiertesten Lateinschulen des Herzogtums war. Die Familie hatte sicher Kontakte genug, um den Lateinschüler unterzubringen. Am wahrscheinlichsten logierte er in dieser Zeit im Haus seiner Schwester Anna Maria, die seit 1607 mit dem Tuchmacher Johannes Hölderlin verheiratet war.

Nach zwei Jahren wechselte Georg Johann 1614 nach Cannstatt und 1616 auf die Universität Tübingen. Da er als dritter Student der Familie keinen Anspruch mehr auf einen Freiplatz hatte, wurde sein Studium von der Ficklerschen Stiftung  (1)  unterstützt, die seit 1585 bedürftigen Studenten ein sorgenfreies Studium ermöglichte. 1619 wurde er Baccalaureus und 1621 Magister. Wie lange er danach Theologie studierte, gibt er nicht an.  (2)    Da in Württemberg nur zwei Söhne einer Familie eine Pfarrstelle erhielten, und seine Brüder bereits württembergische Pfarrer waren, musste Georg Johann sich nach einer Anstellung außerhalb des Herzogtums umsehen und begann 1625 seinen Dienst als Hauslehrer bei Georg Philipp von Venningen in Eichtersheim. Nach einjähriger Hauslehrer-Tätigkeit erhielt er die dortige Pfarrei.

Wasserschloss Eichtersheim.

Bevor Georg Johann nach Eichtersheim kam, hatten der Kraichgau und die Kurpfalz die ersten Schrecken des langen Krieges erduldet. Als der Winterkönig aus Prag geflohen war, waren das protestantische Heer Mansfelds und auch das kaiserlich - bayerische Heer Tillys in die Rheinpfalz gezogen. Die Kriegsereignisse hatten sich aber nicht nur auf die kurpfälzischen Orte beschränkt. Alle Dörfer wurden in Mitleidenschaft gezogen, und das nicht wenig. Die kaiserlichen Truppen unter Tilly hatten die festen Plätze im Kraichgau und Odenwald besetzt. Neckargemünd war Schauplatz eines üblen Massakers. In Hilsbach wurde die Bevölkerung gemordet und der Stadtkommandant über die Mauer gehängt, die Festungen Steinsberg und Waldangelloch hatten kampflos kapituliert, Neidenstein hatte sich nach Beschießung ergeben.

Die riesigen Heere hatten keine Rücksicht darauf genommen, ob ein Ort pfälzisch oder ritterschaftlich war. Geplündert und gebrandschatzt wurden evangelische wie katholische Herrschaften. Während Mansfeld bei Mingolsheim Tilly eine Niederlage bereitete (27. April 1622) und das Dorf in Schutt und Asche legte, konnte Tilly in der Schlacht von Wimpfen die Truppen von Markgraf Georg Friedrich am 6. Mai 1622 vernichtend schlagen. Heidelberg und Dilsberg hielten sich noch bis zum Herbst.Beim Dienstantritt Georg Johanns in Eichtersheim 1625 hatten sich die Kämpfe nach Norden verlagert. Aber die Plünderungen und Brandschatzungen, das Rauben und Morden war bei der Bevölkerung noch in frischer Erinnerung. Es war auch keineswegs Friede eingekehrt. Truppendurchmärsche schikanierten die Bevölkerung nach wie vor. Die Soldaten trieben das Vieh weg, sie raubten den Bauern die letzten Nahrungsreserven, erpressten hohe Geldbeträge, und wo es nichts zu holen gab, wurde Feuer gelegt. Zu dem Elend und dem Hunger kam die Pest, die in jenen Jahren immer wieder aufflammte. 1626, als Georg Johann seine Pfarrstelle in Eichtersheim erhielt, schrieb Reinhard von Gemmingen aus dem benachbarten Michelfeld: Ich „würde gern hinüberreiten, bin aber so von Pest umringt, kann ohne Lebensgefahr meiner Weib und Kinder nitt aus dem Haus, dan ich allen Augenblick zur Flucht gefasst sein muss…“  

In jenen 1620er Jahren kam zu der materiellen Not und andauernden Gefahr die Unterdrückung der Gewissen. In den kurpfälzischen Ortschaften wurden die reformierten Pfarrer vertrieben und die Schulhalter des „verführerischen Calvinismus“ abgesetzt. Auch auf der unteren Ebene wurden die Schlüssel-stellungen in Behörden und Kirchen konsequent mit Katholiken besetzt. Eine rigorose Rekatholisierung begann in den kurpfälzischen Orten, gestützt auf Ordensgeistliche. Mit der Dauer der Besatzung wurde die Bekehrungspolitik intensiver. In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts wurde die kurpfälzische Bevölkerung zwangsweise in katholische Gottesdienste geschickt, und die Theolo-genausbildung in Heidelberg war fest in Händen der Jesuiten. Noch waren in den ritterschaftlichen Orten die Pfarrer sicher – nicht vor Hunger, Raub und Pest, aber vor Verfolgung aus Glaubensgründen. Gegen die Willkür der Soldateska allerdings war man in den ritterschaftlichen Orten so schutzlos wie in den kurpfälzischen.

Die feste Stelle in Eichtersheim ermöglichte dem jungen Pfarrer die Heirat. Am 11. Februar 1627 ehelichte er „die Ehrn Und Tugentsame Jungfrawe Anna Allgaierinn“ aus Enzweihingen. 

Das erste Kind des Ehepaares, Maria Johanna, wurde am 28. September 1628 geboren. Der Sitte in den Pfarrfamilien folgend, hochgestellte Paten anzufragen, bat man die Freifrau Marie Cleophe von Venningen und Maria Heerbränndin, Ehefrau des Amtmanns in Michelfeld, als Patinnen für das Mädchen. Maria Johanna wurde sechs Jahre alt. Sie starb in dem extremen Notjahr 1635.Das zweite Kind von Anna und Georg Johann wurde am 25. September 1630 ebenfalls in Eichtersheim geboren und auf den Namen Eva Barbara getauft. Paten des Mädchens waren Eva von Venningen und Anna Maria von Venningen. Das Mädchen wurde nicht ganz ein Jahr alt und starb schon am 2. Juni 1631.An Himmelfahrt 1633 – inzwischen war ganz Südwestdeutschland von den Schweden erobert - kam die Pfarrersfrau erneut nieder und gebar ein Zwillingspärchen, Eleonore Barbara und Anna Margaretha. Die Pfarrersfrau von Michelfeld und die Frau des Dührener Bürgermeisters übernahmen die Patenschaft von Eleonore Barbara. Zwei Eschelbacher Frauen, Margaretha Schreyer und die Pfarrersfrau, hoben Anna Margaretha aus der Taufe. Anna Margaretha starb schon am 2. Juli 1633, fünf Wochen alt. Eleonore Barbara folgte ihr eineinhalb Wochen später am 11. Juli. 

Siebeneinhalb Jahre versah Georg Johann in Eichtersheim den Pfarrdienst. Dann wurde er 1633 nach Neidenstein versetzt, einem Dorf, das ebenfalls im Besitz der Familie von Venningen war. 

Der Schwedenkönig Gustav Adolf war schon am 16. November 1632 gefallen, aber noch war das schwedische Heer unbesiegt. Das Eingreifen der Schweden in die Kriegsgeschehnisse hatte eine Wende im Kriegsverlauf und zunächst einmal Hoffnung für die Evangelischen gebracht. Allerdings waren nun die katholischen Pfarrer und Ordensleute ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie mussten die Kurpfalz und die katholischen Orte verlassen. Der Pfarrer in Waibstadt wurde am Altar ermordet. Der konfessionelle Kurs kehrte sich zwar um, Hunger, Gewalt, Raub und Not gingen weiter, für alle, denn auch die schwedischen Truppen mussten bezahlt, verpflegt, einquartiert und transportiert werden. Sie bestanden zum überwiegenden Teil aus angeworbenen Söldnern und standen den kaiserlichen an Brutalität nicht nach. Während dieser schwedischen Zeit geschah die Versetzung Georg Johanns nach Neidenstein.

1634 muss es im Kraichgau heiß hergegangen sein. Am 27. August gebar die Pfarrersfrau einen Jungen, Philipp Ulerich. Paten waren Philipp Christoph von Venningen und der Pfarrer von Neckarbischofsheim, Johann Ulerich Pauli. „Dis Söhnlein war zur unglückselig Zeit geborn. 12 tag nach seiner geburt musten wir weegen höchster Kriegsgefahr mit ihme in das exilium fliehen. Ward im Elent geborn, im Elend auferzogen, blib ein Elender Sohn bis in sein seeligen todt“. Es lässt sich nur erahnen, was hinter diesen Zeilen steckt. Die Not und Gefahr, die hastige Flucht der Familie mit dem Säugling und der dreijährigen Anna Johanna nach Sinsheim oder auf den Steinsberg, die Mutter noch geschwächt von der Geburt, die Angst aller vor der drohenden Kriegsfurie, und die Panik, noch rechtzeitig einen einigermaßen sicheren Ort zu erreichen: Der neugeborene Junge hat diesen Stress nicht überlebt. 

Die Ursache dieser panischen Flucht war die Niederlage der schwedisch – protestantischen Armeen in der Nördlinger Schlacht am 6. September. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Die schlimmsten Befürchtungen veranlassten die Flucht. Und was dann schließlich über die Menschen hereinbrach, übertraf die die schwärzesten Ahnungen. Die aus Nördlingen zurückflutenden schwedischen Verbände und ihre kaiserlichen Verfolger hausten unter der Bevölkerung mit unsäglicher Brutalität. Die totale Katastrophe brach über das Land herein.

Die Not wuchs ins Unerträgliche. Dazu dezimierten Hunger und Pest die Bevölkerung. Ein englischer Reisender, der 1633 bis 1635 Süddeutschland bereiste, hinterließ von den Zuständen im Land schreckliche Bilder:  (3)  Er berichtet von Mord und Folter, von Raub und Vergewaltigung, vom Schwedentrunk, Kannibalismus und bestialischen Zerstückelungen.

In dieser Zeit des Horrors – 1637 – traf es auch die Pfarrfamilie besonders hart. Sie war inzwischen nach Dühren versetzt, wohnte allerdings meist auf dem Steinsberg. Frau Anna hatte am 15. Juli ein Knäblein geboren, Johannes. Von Entbehrung und Not geschwächt überlebte sie diese Entbindung nicht. Rückblickend schreibt Georg Johann über die Beerdigung der Mutter und die Taufe des Kindes: „War ein trauriger actus, dann nachdem der Pfarrer zu Daspach der Mutter die leicht predigt (=Leichenpredigt) gethan, ist nach Verrichtung derselben das Kindlein getauft worden. Weil nun das arme Kindlein seine liebe Mutter gleich denn andern tag verlohren und ihm seine Mütterl. Nahrung nit zuteil worden, als ist es gleich 14 tag hernach der Mutter gefolgt, ihr grab wt eröffnet und auf der selben baar gesetzt worden. Disen meinen lieben Kindern sambt der Mutter wolle Ch. Jesus eine Fröwl. Auferstehung geben.“ Man kann sich vorstellen, wie sich der Vater und wohl Frauen aus dem Dorf oder der Burg bemüht haben, den kleinen Johann am Leben zu erhalten, aber es waren dem Jungen nur 14 Tage beschieden. Georg Johann stand nun allein, denn auch Maria Johanna, seine älteste Tochter, war 1635 gestorben.

Es ist erstaunlich, dass trotz der chaotischen Zustände Kontakte über große Entfernungen möglich waren. So konnte Georg Johann schon nach etwa einem halben Jahr eine zweite Ehe eingehen. Er heiratete am 22. Februar 1638 Anna Burckhart aus Kochendorf. Es waren immerhin rund 30 km dahin, auch für den laufgeübten Georg Johann eine Tagesreise, die durch unterschiedliche Herrschaften führte und nicht ungefährlich war. Das Paar wurde auf der Ravensburg von Pfarrer Johannes Rabus getraut. Mit diesem Pfarrer verband Georg Johann eine vertraute Freundschaft. Er taufte die beiden ersten Söhne des Dührener Amtsbruders. Georg Johann nennt ihn in seinem vielzitierten Passus über die Seelsorge in den Kriegsjahren „Johann Wolfgang Rabus, mein getreuwer wol vertrauwter Herr Bruder in CHro“.

In jenen Jahren hat sich Georg Johann mit seiner Familie hauptsächlich auf dem Steinsberg und in Sinsheim aufgehalten. Auch aus den Taufeinträgen seiner Kinder ist zu entnehmen, wie unruhig die Zeit war. Der Aufenthalt in Dühren wäre deshalb zu gefährlich gewesen. In jene Zeit der letzten zehn bis zwölf Kriegsjahre lässt sich auch der Abschnitt aus dem Liber animarum datieren, in dem er seinen gefährlichen und sicher auch abenteuerlichen Pfarrdienst beschreibt:


"In dem lang verderblich, hochbeschwerlichen Kriegswesen, weil kein Pfarrer in dieser gantzen nachbarschafft mehr vorhanden, als Herr Pfarrer uff Ravenspurg Johan Wolffgang Rabus, mein getreuwer wol vertrauwter Herr Bruder in CHro, so Anno 1662 zu Sultzfeld Seelig im Herrn eingeschlafen, als habe Ich, theils von Steinsberg, teils von Süntzen aus, an welchen beeden orten Ich mich am mehsten nach dem Nörrlinger treffen aufgehalten, noch folgende Dorffschafften als Neydenstein, Dasspach, Eschelbronn Euchtersheim Eschelbach Darmbach, Hofen, Michelfeld, Steinsberg un d Ittlingen versehen, musste manchen Sonntag 4 oder 5 Stund mit hin und wider laufen zu bringen, noch darzu vilmahln mit einem gutten trunck Wasser, weil kein tröpfflin wein in den Dorfschafften zu bekommen verliebnemmen. Ja es kam ettlich mahlen darzu, dass alle Messpriester und Baierische geistliche das reüsaus genommen unnd ich allein in vicinia bliben und ettliche Kinder zu Süntzheim mit consens Herrn Schultheisen, und Ehrsamen Rahts, jedoch in Häusern tauffen müssen."

Der Steinsberg war im Besitz der Eichtersheimer Freiherrenfamilie von Venningen, in deren Dienst Johann Georg zeit seines Lebens stand. Die Burg war gegen kleine, marodierende Haufen ein durchaus sicherer Ort, gegen große Verbände hatte sie bei der damaligen Waffentechnik keine Chance. Vogt auf der Burg war Johann Georg Erckenbrecht. Er, seine Frau und seine Schwester übernahmen Patenschaften bei den Pfarrerskindern, so dass man auf ein freundschaftliches Verhältnis der beiden Familien schließen kann.

Die seelsorgerlichen Gänge des Pfarrers über Land bargen ein gefährliches Risiko. Es herrschte weitgehend Anarchie. Kleine, versprengte Verbände plünderten Dörfer schikanierten die Bewohner, beraubten Reisende. Ihnen kam es auf ein Menschenleben nicht an. Georg Johann macht nicht viel Aufhebens von der Gefahr. Er erwähnt nur beiläufig, dass er die Pfarreien Neidenstein 17 Jahre, Eschelbronn 16 Jahre und Daisbach 10 Jahre „nit ohne grose mühe sorg und angst versehen“ habe. Die wenigen Menschen, die noch in den Dörfern lebten, schätzten und brauchten den geistlichen Beistand, sie brauchten die Taufen ihrer Kinder, denn die Taufe galt als Schutzzusage Gottes, und kein Mensch durfte ungetauft sterben. Genauso wichtig war auch der geistliche Segen bei Hochzeit und Tod.
Nach seinen Aufzeichnungen hat Georg Johann die ritterschaftlichen Kraichgaugemeinden zu folgenden Zeiten versehen:
Neidenstein: 1633 - 1650
Eschelbronn:1634 – 1650
Daisbach: 1540 – 1650
Hoffenheim: 1640 – 1653
Michelfeld: keine Angabe zum Beginn, bis 1654
Eichtersheim: keine Angabe zum Beginn, bis 1654
Waldangelloch: 1650 – 1658
Zu Steinsberg und Ittlingen macht er keine Angaben zur Dauer seines Diensts, vermutlich während der ganzen letzten Kriegsphase.
Eschelbach: Die Kirche war von 1636 - 1647 gesperrt. Georg Johann übernahm die Gemeinde 1647, macht aber keine Angabe zum Ende des Dienstes.
Tairnbach: 1636, keine Angabe zum Ende der Tätigkeit. Georg Johann besuchte die Gemeinde nur alle drei bis vier Wochen.

Nach dem Krieg konnte die Familie des Pfarrers nach Dühren zurückkehren. Dort sah es traurig aus. Zerstörte Häuser, verwaiste Anwesen, Kirche und Pfarrhaus zerstört. Nach dem Wiederaufbau begann er sofort mit der Kirchenbuchführung. Er legte das Liber Animarum nach dem Vorbild des Bürgerbuchs Nürtingen an, das sein Vater Alexander 1594 verfasst hatte. Nach Familien geordnet erfasste er die überlebenden und zugewanderten Einwohner.


Trotz Kriegsende konnte sich Georg Johann nicht über ein beschauliches Leben als Landpfarrer in dem kleinen Dühren freuen. Das Dorf war – wie die meisten Gemeinden des Kraichgaus – weitgehend zerstört, die Bevölkerung dezimiert.

 Zunächst versah er einen Teil seiner Gemeinden noch einige Jahre weiter, bis dort neue Pfarrer eingeführt wurden. Er wirkte auch noch später über die Grenzen seiner Dührener Gemeinde hinaus. Zum Ende seiner Dienstzeit in Eschelbach und Tairnbach macht er keine Angabe. Das letzte Kind der Familie, Barbara Sophia, wurde 1649 in Eichtersheim geboren, im inneren Schloss, wie der Vater schreibt. Wann die Familie endgültig nach Dühren zurückgekehrt ist, ist nicht vermerkt.

Georg Johann und Anna hatten in ihrer Ehe sechs Kinder, von denen drei das Erwachsenenalter erreichten. Hans Georg ist in der Neujahrsnacht 1639/40 auf dem Steinsberg geboren. Alexander Rudolph kam ebenfalls auf dem Steinsberg zur Welt, am 10 Januar 1642. Ein Mädchen, Eleonora Sabina, folgte Am 26. September 1643. Georg Johann erwähnt, dass er wegen großer Kriegsgefahr das Mädchen selber getauft hat, wahrscheinlich auf dem Steinsberg. Neben ihren Geburtseintrag hat er ein dickes Kreuz zum Zeichen ihres Todes gemalt, vermerkt aber nicht das Todesdatum. Das vierte Kind, Ursula Anna Maria folgte 1645 am 17. März, ebenfalls unter dramatischen Umständen: „diss Kind ward von Süntzheim uff Steinsberg getragen, u. daselbsten von mir die H. Tauf empfangen. Starb zu Süntzen am 10. Junij Eiusd. Anni. War von dannen nach Dhürn getragen, u. daselbsten christl. zur Erden bestattet worden …“ Die am 8. August 1646 geborene Anna Dorotheawar wegen grosser Unsicherheit in meiner Bahausung zu Süntzen von mir getauft.“ Sie erreichte wie die beiden älteren Brüder das Erwachsenenalter. Das sechste Kind, Barbara Sophia, wurde am 5. Januar 1649 in Eichtersheim geboren. Das Mädchen wurde nur ein Jahr alt und starb auch zu Eichtersheim.

Georg Johann starb am 11. April 1670, seine Frau Anna folgte ihm am 8. Januar 1678.


Die erste Seite der Lebensbeschreibung des Georg Johann Wolffhart im Liber Animarum.


Anmerkungen:

(1) Die Ficklersche Stiftung bestand seit 1585 an der Universität Tübingen und sollte bedürftigen Studenten aus der Verwandtschaft das Studium erleichtern. Dass der Abtssohn nun besonders bedürftig war, ist eher unwahrscheinlich. Aber schon damals verstanden es die gut Informierten, sich der öffentlichen Mittel zu bedienen. Man kann das auch als Beispiel schwäbischer Sparsamkeit sehen.

(2) Quelle aller biographischen Angaben über Georg Johann ist das "Liber Animarum", seine eigenhändige Lebensbeschreibung im Kirchenbuch Dühren.

(3) Vincent Philipp: Die Klagelieder in Deutschland (Lamentations of Germany), London 1638 (?). Vincent hatte wohl eine Belagerung Heidelbergs mitgemacht und außer Hunger und Pest auch die Unmenschlichkeit der Soldaten erlebt und in seinen Bildern überliefert.

(4) Johann Heinrich Zedler: Großes vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste (64 Bände), 1731 - 1754.