Manfred Wolfhard

Familien- und Ortsgeschichte

Die Reformation in Dürnau und Gammelshausen.


„Diese Figuren mit ihren dazu gehörigen Reimen, die von einem alten Tebich vor hundert Jahren ungefähr gewirkt und im Schloss Michelfeld am Rhein zu Mitfasten im tausendfünfhundertvierundzwanzigsten Jahr (1524) gefunden und abgemalt sind, zeigen an, was die Alten wegen der der jetzigen Geschehnisse, die sich täglich ereignen, in ihrem Verstand gehabt und heimlich bei sich behalten haben.“

Der „Michelfelder Teppich“ (1), ein Flugblatt aus der Zeit des Bauernkriegs, zeigt , was Menschen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bewegte. Drei Frauen symbolisieren die Gerechtigkeit, die Wahrheit und die Vernunft. Mit gequälten Gesichtern, die Köpfe geneigt, sind sie mit den Beinen in den Stock geschlossen. Der Gerechtigkeit sind die Hände mit einem Stab fixiert, der Wahrheit ist der Mund mit einem Vorhängeschloss verschlossen und der Vernunft sind die Hände an den Block gebunden. Damit sind drei wichtige Tugenden aus dem Verkehr gezogen. Auf einem Thron  sitzt ein gut genährter Mann in einem geistlichen Gewandt. Er rühmt sich in dem Spruchband: „Mit Hilfe meiner Behändigkeit habe ich Gerechtigkeit, samt der Vernunft und Wahrheit untertänig gemacht.“ Auf der Lehne seines Thrones steht: „Ich bin die Betrügerei.“

Die Darstellung stellt eine heftige Kritik an der Kirche und ihren Vertretern dar. Die unterdrückten Tugenden sind immerhin zentrale christliche Werte. Anstatt sie zu fördern werden sie vom kirchlichen Personal in Fesseln gelegt. Das in die Wiege gefesselte Kleinkind weist auf den Bruch des Zölibats durch die hohe und niedere Geistlichkeit hin und darauf, dass diese sich in der gegenwärtigen Situation ein flottes, willkürliches Leben erlauben.

Der Alltag der Menschen im Dorf des ausgehenden Mittelalters war hart und angstbesetzt. Von der Ernte blieb dem Bauern nur ein geringer Teil. Missernten bedeuteten Not. Der Tod war ständiger Begleiter: Kindersterblichkeit, Pestepidemien, Seuchen, Kriege waren allgegenwärtige Bedrohungen. Dazu kam das sich steigernde Bewusstsein der Abhängigkeit von den Herrschaften. So wuchs die Sehnsucht nach einer Kirche als Heilsanstalt, die einen festen Halt im Diesseits und eine Perspektive im Jenseits geben konnte. Und in der Sorge um ihre Seligkeit steigerten die Menschen ihre Frömmigkeitsübungen. Man strebte danach, sich der Fürsprache möglichst zahlreicher Heiliger zu versichern. Unter gewaltigen Kraftanstrengungen wurden fromme Höchstleistungen erbracht: Pilgerreisen, Erwerb von Ablässen, Stiftung von Seelenmessen. Zu dieser „quantifizierten Frömmigkeit“ (2) zählte auch der Erwerb von Reliquien. Darstellungen von Höllenqualen in Kirchen waren üblich.
Spieler und Teufelin in Dürnau.
In Dürnau hält eine schwarze Teufelin Spieler und Tänzer in ihrem sündhaften Trei-ben zusammen, in Weil-heim wird eine Schar von Geistlichen, Fürsten, vornehmen Bürgern, Prostituierten und Juden in den Höllenrachen ge-trieben. Zwei schwarze Teufel befördern Papst,
Bischof und Kardinal in den offenen Rachen, in der Bildmitte treibt ein roter Teufel – die Wollust - die Verdammten ins Verderben.(3)              Zwar zeigen die Darstellungen in Kirchen und auf Bildern auch Heilswege auf, doch bleibt die Darstellung der Erlösten oft seltsam blass gegenüber der Intensität der Darstellung der Verdammnis oder des Todes.
St.Peterskirche Weilheim (Teck): Jüngstes Gericht
Schon früh haben Prediger und Lehrer auf die Unvereinbarkeit von Evangelium und kirchlicher Praxis aufmerksam gemacht. Kritische Anmerkungen zu Zeitfragen kamen auch von der 1477 neu gegründeten Universität Tübingen. Gründungsmitglied und mehrjähriger Rektor Professor Gabriel Biel (ca. 1415 – 1495) „lehrte seine Schüler, an die wirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit biblische Maßstäbe anzulegen.“ (4) Er hatte die Willkür der Feudalherren angeprangert. Einer seiner Mitarbeiter verneinte die göttliche Legitimation der Zehntpflicht und betonte die theologische Begründung individueller Rechte. Unter dem Einfluss dieser Ansätze hatte Reinhart Gaisslin aus Fellbach in Tübingen studiert und promoviert. Er wurde als Stadtpfarrer von Markgröningen durch seine Predigten zum intellektuellen Kopf des Armen Konrad, des Baueraufstandes, der 1514 das Herzogtum Württemberg erschütterte
Dürnau nach der Bollerr Landtafel 1602.
Dürnau und Gammelshausen waren unbedeutende kleine Dörfer in vorwiegend württembergischer Umgebung. Die kirchliche Situation beider Dörfer war unterschiedlich. In Dürnau bestand schon vor der Ersterwähnung 1275 eine Kirche. Für die Zeit vor 1534 sind zwei Pfarrer Dürnaus bekannt: der „vielgewanderte“ Ludwig Diener und Jakob Wölflin. (5) Als Herzog Ulrich 1534 das Kloster Adelberg säkularisierte, fielen das Patronatsrecht und die adelbergischen Besitzungen in Dürnau an Württemberg, während die Obrigkeit, also Gericht und Dorfherrschaft bei den Herren von Zillenhardt lag.

Gammelshausen verblieb als Kaplanei bei Boll. Für die Besetzung der Boller Pfarrstellen war der Bischof von Konstanz zuständig. 1478 reichte das Aufkommen aus der Gemeinde, dass Herzog Ulrich um die Entsendung eines Kaplans bitten konnte. So bekam das Dorf einen ortsansässigen Kaplan, der dem Pfarrer von Boll unterstand. Allerdings reichten die Mittel schon 1525 nicht mehr; das Kaplaneihaus wurde verkauft, und der Gottesdienst wurde wieder von Boll aus versehen. (6) Er fand vierzehntägig statt. An den übrigen Sonntagen und an Feiertagen waren die Gammelshäuser gehalten, die Gottesdienste in Boll zu besuchen. Sie hatten hier ihre eigenen Bänke. (7)

Die offizielle Einführung der Reformation in Württemberg erfolgte 1534.

Warum also in Württemberg so spät und in Dürnau/Gammelshausen noch später?

 

Herzog Ulrich.

 Die Antwort ist in der Person Herzog Ulrichs zu finden. Nach seinem Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen 1519 wurde er verbannt und sein Land dem Haus Habsburg unterstellt. Erzherzog Ferdinand von Österreich, wurde 1522 Landesherr in Württemberg und achtete streng darauf, dass reformatorisches Gedankengut seinem Herrschaftsbereich ferngehalten wurde. Herzog Ulrich wurde in seiner Verbannung entschiedener Anhänger der Reformation und konnte mit Hilfe des Landgrafen von Hessen die Rückge-winnung Württembergs betreiben. Am 13.Mai 1534 wurde diese durch die Schlacht bei Laufen militärische ent-schieden und im Vertrag von Kaaden am 29. Juni 1534 rechtlich abgesichert. Nun konnte auch in Württemberg die Reformation beginnen.


Es ist sicher nicht falsch, wenn man davon ausgeht, dass die Untertanen des Herzogtums Württemberg und die der Freiherren von Zillenhardt während der österreichischen Herrschaft sehr wohl über die Vorgänge um die Reformation informiert waren. Standen doch die Aufständischen des Bauernkriegs 1524 stark im reformatorischen Gedankengut – wenn auch ohne Billigung Luthers. Immerhin war ein namentlich nicht genannter berittener Bauer aus Gammelshausen Anführer des Hattenhofer Haufens. Und während der habsburgischen Herrschaft hielt so mancher Pfarrer seine Predigten im Sinne der Reformation. Bekannt ist der Uhinger Martin Cleß. Als Chorherr am Oberhofenstift Göppingen (seit 1524) hatte er sich an den Gedanken Martin Luthers mehr und mehr begeistert und weigerte sich, in alter Weise zu predigen. 1529 kam es zum Bruch mit der Obrigkeit. Er musste aus Göppingen fliehen und fand auf Burg Ramsberg Zuflucht bei Philipp von Rechberg.(8) 1536 berief ihn Herzog Ulrich wieder nach Göppingen.                                                                         In Boll wurde noch 1534 der Kaplan Ulrich Kommann entlassen oder versetzt, weil er offensichtlich ein Anhänger reformierten Gedankenguts war.(9) Der Pfarrer von Schlat war mit Luthers Schriften vertraut und predigte in deren Sinne den Schlater Kirchgängern.(10) Außerdem waren die Dörfer keineswegs isoliert. Zwischen ihnen und den umliegenden Städten fand ein reger Verkehr und Austausch statt. Persönliche Bindungen, Märkte, handwerkliche Dienstleistungen führten die Menschen über die örtlichen Grenzen hinaus. Auch wenn die österreichische Regierung den Untertanen Gespräche über den Glauben in Herbergen und auf Märkten verboten hatte: Sie waren nicht zu verhindern.


Bis Mai 1534 stand also Württemberg unter österreichischer Herrschaft, und die Verwalter bemühten sich, reformatorisches Gedankengut fernzuhalten. Nachdem Herzog Ulrich sein Herzogtum zurückgewonnen hatte, begann er noch im gleichen Jahr mit der Reformation. Adelberg wurde 1535 reformiert. Damit lag auch das Patronatsrecht über die Dürnauer Kirche und ihre Besitzungen bei Württemberg. Während in Boll bereits 1535 ein Verzeichnis des vorhandenen Kirchenvermögens angelegt wurde und 1537 durch die „Große Visitation“ die Reformation endgültig bestätigt wurde, ruhte das Besetzungsrecht für die Pfarrei Dürnau, wo die Zillenhardter über die Obrigkeit mit Vogtei, Gericht und Herrschaft verfügten und Hans Christoph von Zillenhardt stellvertretend für seinen Bruder Hans Wolf auf seine Selbständigkeit pochte.(11) Der Herzog zögerte, wegen der Besetzung der Pfarrstelle Druck auf den Ritter zu machen, der als willkürlich und gewalttätig galt und nicht daran dachte, die vom Herzog eingeleitete Reformation in seinem Herrschaftsgebiet durchzuführen. Im Gegenteil! Er vebot, dass seine leibeigenen Bauern in Gammelshausen, die das Wort Gottes gern „lauter und rein“ gehört hätten, die Predigt in ihrer Pfarrkirche Boll besuchen konnten, obwohl ihr Ort doch nach Boll eingepfarrt war. Er zwang sie, seine Kirche in Gammelshausen zu besuchen, wo er trotz württembergischem Patronat eine eigene Pfarrei eingerichtet hatte. Es scheint ihm sogar gelungen zu sein, die Pfarrei Dürnau noch 1534 kurzzeitig zu besetzen. In einem Brief (22. Juli 1535) an den damals noch amtierenden Abt von Adelberg nennt er R. Rößlin als Pfarrer.


Die herzogliche Verwaltung wies nun den Obervogt von Göppingen, Wilhelm von Massenbach, an, gegenüber dem widerspenstigen Ritter andere Saiten aufzuziehen. Also erhielt Hans Christoph von Zillenhardt eine Frist von einem Monat, in der er sich vor den herzoglichen Räten für verschiedene Eskapaden verantworten und seinen Untertanen den Besuch der Pfarrkirche Boll erlauben sollte. Doch der Zillenhardter ließ die Frist verstreichen. Wilhelm von Massenbach ließ nun nach dem Junker streifen, und am Osterabend 1536 konnte ihn der Schultheiß von Gruibingen festnehmen und ihm das Gelübde abnehmen, sich der herzoglichen Verwaltung zu stellen. Am nächsten Tag fand der sich tatsächlich bei dem Obervogt ein mit dem Hinweis, er habe noch keinen Termin, wann er sich der herzoglichen Kanzlei stellen sollte. Offensichtlich zog er das Verfahren in die Länge. Nachdem 1637 der Obervogt in ein anderes Amt gewechselt hatte, zogen die herzoglichen Räte das Verfahren an sich. Ende 1638 erhielt der Dürnauer Junker als eine Art Urfehde (13) die herzogliche Verfügung, seine Ausschreitungen zu unterlassen. Strafmildernd wurden seine Jugend und sein Unverstand anerkannt.

Hans Wolf von Ziullenhardt, Herr des Rittergutes Dürnau-Gammelshausen (gestorben 1557)

Trotz dieses Vergleichs änderte sich an den kirchlichen Verhältnissen nichts. Noch im Oktober 1543 meldete der Göppinger Obervogt nach Stuttgart, dass Pfarrstelle und Frühmesse unbesetzt seien. Allerdings erschwerte der Dorfherr seinen Dürnauer und Gammelshauser Untertanen den Besuch der Kirche in Boll nun nicht mehr.

1545 machte die herzogliche Verwaltung Druck, um die Pfarrstelle in Dürnau endlich zu besetzen. Amtsinhaber sollte der Diakonus Johann Ulrich Löblin werden. Dieser war zwar für die Pfarrei Unterreichenbach bei Liebenzell vorgesehen, konnte dort jedoch seinen Dienst nicht aufnehmen, weil das Pfarrhaus noch nicht gebaut war. Er bat deshalb, ihm in der Zwischenzeit eine andere Stelle zuzuweisen. So wurde er zum Diakonat nach Pfullingen eingewiesen, um dort die württembergische Kirchenordnung kennen zu lernen. Am 15. März 1545 übergab der Göppinger Obervogt Jörg von Ow der Ortsherrschaft die Ernennungsurkunde von Pfarrer Löblin. Hans Christoph von Zillenhardt war bereit, ihn als Pfarrherrn zu akzeptieren.

Damit hatte Dürnau nach langem Hin und Her zwar einen evangelischen Pfarrer, doch die Verhältnisse für ihn waren trostlos. Die Ortsherrschaft war gegen ihn. Das Pfarrhaus war ziemlich heruntergekommen – „baulos“ - seine Besoldung war nicht geregelt, sein Umzug von Pfullingen nach Dürnau machte Schwierigkeiten und die Abgaben aus der Gemeinde waren nicht aufzubringen. In seiner Not verließ er Dürnau mit seiner achtköpfigen Familie bereits nach zwei Jahren wieder, und der Pfarrer von Boll, Johann Keferlin, versah ab 1547 die Gemeinde. Dürnau war wieder ohne Pfarrer. Ob die Dürnauer zum Gottesdienst nach Boll gehen mussten oder ob der Pfarrer nach Dürnau kam, ist nicht überliefert. Gammelshausen war nach wie vor Filialort der Pfarrei Boll.  


Die protestantischen Fürsten hatten sich 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammengeschlossen. Nach anfänglichem Machtzuwachs kam es nach 1542 zu Zwistigkeiten, und Kaiser Karl V. nutzte die Schwächung des Bundes. Die Schlacht von Mühlberg (24. April 1547) besiegelte die endgültige Niederlage der Protestanten. Folge war das Interim, ein Reichsgesetz, das im Wesentlichen die katholische Kultordnung fast vollständig wiederherstellte. Marginale Konzessionen waren der Laienkelch und die Erlaubnis, dass Ehen verheirateter protestan-tischer Pfarrer weiter bestehen durften.

Herzog Ulrich schloss sich im November 1548 dem Interim an. Er bestimmte, dass sich alle württembergischen Pfarrer dem kaiserlichen Gesetz gemäß verhalten mussten, und mit dem Abgang von Pfarrer Keferlin aus Boll war das gesamte Umland wieder ohne Pfarrer. 1549 wurde Pfarrer Peter Schaber an die große Pfarrei versetzt und war auch für Gammelshausen zuständig.
In Dürnau hatte Hans Christoph von Zillenhardt im Februar 1549 das Interim ebenfalls akzeptiert. Mit dem Aufzug eines gut katholischen Priesters war damit der erste reformatorische Anlauf beendet. Auch nach der Aufhebung des Interims 1552 waren die Brüder Hans Wolf von Zillenhardt und Hans Christoph von Zillenhardt nicht bereit, evangelische Pfarrer zu akzeptieren. Es werden mehrere katholische Priester genannt. Nach dem Tod der Brüder 1557 und 1558 änderte ihr Nachfolger Wolfgang von Zillenhardt noch über zehn Jahre nichts an den kirchlichen Verhältnissen, obwohl er als Obervogt von Blaubeuren im Dienst eines evangelischen Landesherrn stand und selbst zur evangelischen Lehre übergetreten war. Erst als er den letzten katholischen Pfarrer, Georg Dietz, im Juli 1572 nach über fünfjähriger Amtszeit entlassen hatte, erklärte er sich bereit, in Dürnau die Reformation einzuführen. Er wollte allerdings selbst einen Pfarrer bestellen. Aber das wollte Württemberg keinesfalls zugestehen, auch wenn in der Vergangenheit die katholischen Priester wohl ausschließlich von den Ortsherren eingesetzt worden waren. Die herzogliche Verwaltung bestand auf ihrem Recht, die Pfarrstelle zu besetzen, und bestellte den Diakon von Boll, Magister Mich. Müeßlin wohl im Herbst 1572 zum evangelischen Pfarrer in Dürnau. Damit war die Reformation auch in diesem ritterschaftlichen Dorf angekommen. In diesem Zusammenhang wird zu ersten Mal die Gemeinde erwähnt. Müeßlin musste nämlich eine Probepredigt halten, und die Gemeinde musste erklären, dass er ihr angenehm sei. Für die damaligen Dürnauer Kirchgänger wohl eine ungewohnte Neuerung. Der Dienst für den Pfarrer Müeßlin und seine Familie war in der kleinen Gemeinde wegen der kargen Ausstattung der Stelle eine Wanderung am Rand des Existenzminimums. Kurz nach seiner der Amtseinführung, am 8. November 1572, schrieb Wolf von Zillenhardt, dass das Einkommen des Pfarrers zu gering sei. Seine katholischen Vorgänger hätten 20 Gulden mehr Einkommen gehabt, aber für ihn falle vieles weg, was die „Meßpfaffen“ bezogen hätten. Welchen Erfolg dieser Vorstoß hatte, ist nicht bekannt.
Das Frühmessnerhaus stand am Ortsende Richtung Gammelshausen, heute Ecke Hauptstraße - Schul-straße. Es wurdfe während des 30-jährigen Krieges zerstört, aber nach dem Krieg wieder aufgebaut und an private Besitzer verkauft.

Müeßlin blieb in Dürnau bis 1577 und wechselte dann auf die Pfarrei Korb. Als sein Nachfolger wurde der Diakonus Georg Eninger aus Blaubeuren am 20. Februar 1577 ernannt. Er war wahrscheinlich von dem dortigen Obervogt, der auch Dorfherrn von Dürnau war, empfohlen worden. In seine Amtszeit fiel die Affäre mit dem Schutzjuden Lazarus, dem die Herrschaft gegen ein Schutzgeld von jährlich 25 Gulden das ehemalige Frühmessnerhaus zur Verfügung gestellt hatte. Dieses Anwesen gehörte allerdings gar nicht dem Dorfherren sondern der Gemeinde, und seine Wegnahme empörte die Einwohner, die es bisher als Bettlerunterkunft und Armenhaus genutzt hatten. Der Ärger der Bürger und das Auftreten des Juden veranlassten den Pfarrer zu einer Beschwerde bei der württembergischen Kirchenbehörde. Am 30. Juli 1583 verfügte der Herzog die „Abschaffung des Juden“. Durch diese Vorgänge wurde wohl das Klima zwischen Pfarrer und Herrschaft empfindlich gestört, so dass Eninger im Juli 1585 gern in einen Stellentausch mit dem Pfarrer Johann Faber von Holzheim einwilligte.

Verhältnismäßig spät und unter widrigen Bedingungen hat die Reformation Dürnau erreicht. Die Turbulenzen und Schwierigkeiten der Anfangsjahre haben aber auch dazu beigetragen, dass Martin Luthers Gedanken in Dürnau endgültig Fuß fassten. Die Reformation prägte das Dorf für lange Zeit und hat auch schwere Belastungen überstanden.


[1] Bernd Röcker: Der Teppich von Michelfeld, Anmerkungen zu zwei Holzschnitten Albrecht Dürers, in: Zschr. Kraichgau, Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung, Folge 20/2007, Seite 163ff      Bild: Dresden, Kupferstichkabinett

(2) Harry Kühnel: Frömmigkeit ohne Grenzen? In Harry Kühnel (Hg.): Alltag im Spätmittelalter, Graz, Wien Köln 3. Aufl. 1986, Seite 92ff

(3) Ulrich Marstaller: Die Peterskirche in Weilheim, Stuttgart 1985, Seite 18

(4) Wolfgang Dietz: Weisheit besteht nicht in Reichtum, sondern in Armut. Reinhart Gaisslin – Pfarrer und Revolutionär, in: 500 Jahre Armer Konrad, der Gerechtigkeit einen Beistand thun, Herausgeber: Stadt Fellbach 2014, Seite 136

(5) Gustav Bossert: Die Reformation in Dürnau O.A. Göppingen, in Blätter für württembergische Kirchengeschichte Bd. 14, 1910, s. 49ff

(6) Claus Anshof: Drei Kirchen, zwei Gemeinden Dürnau – Gammelshausen, Dürnau/Gammelshausen 2006 S. 42

(7) Claus Anhof: Gammelshausen, Dorf am Albtrauf zwischen „Köpfle“ und „Lotenberg“ Heimatbuch 1976, Seite 34 ff

(8) www.cleß.de und Wikipedia Internetlexikon, Stichwort „Martin Cleß“

(9) Eckhard Christof: Kirchliche Verhältnisse bis zur Reformation, in: Boll, Dorf und Bad an der Schwäbischen Alb, Gemeinde Boll (Hg), Seite 75

(10) K. Eisele, M. Köhle, Chr. Schöllkopf: Geschichtliche Heimatkunde des Filsgaus, Göppingen 1926, Seite 61

(11) Herr des Ritterguts Dürnau/Gammelshausen war Hans Wolf von Zillenhardt. Dieser war Obervogt in Sigmaringen. In Dürnau ließ er sich durch seinem Bruder Hans Christof ( ca. 1558) vertreten.

(12) Gustav Bosert: a.a.O. Seite 53

(13) Urfehde: Im spätmittelalterlichen Recht eine eidliche Versicherung, sich nicht an den Geschädigten oder den Strafverfolgern zu rächen, oft verbunden mit einem Landesverweis. In vorliegenden Fall wohl eher eine Bewährungsstrafe.