Manfred Wolfhard

Familiengeschichte

Johann Michael Wolfhard (1879 bis 1928) (M15;31)


Am 09.11.1907 war es so weit: Der 28-jährige Zigarrenmacher Johann Michael Wolfhard heiratete Sophie Elisabeth Fabian, die 23-jährige Tochter des Werkführers Jakob Fabian.

Sophie Elisabeth Fabian

Das Paar war nicht auf Rosen gebettet, aber es hatte sein Auskommen: Ein relativ geräumiges Haus, das Sophie Elisabeth in die Ehe eingebracht hatte, mit einer kleinen Scheuer und einem winzigen Gärtlein dahinter. In Verlängerung des Wohnhauses waren ein Ziegenstall und ein Hühnerhaus. Außerdem besaß das junge Paar ein paar kleine Äcker und einen Weinberg. Dies reichte zwar nicht für eine Landwirtschaft, konnte aber den Naturalienbedarf der Familie decken.

Johann Michael Wolfhard *15.02.1879

Johann Michael hatte in seiner Kindheit einige Schicksalsschläge durchzustehen. Als er 6 Jahre alt war, starb seine Mutter Elisabeth geb. Lutz. Auffällig ist die zeitliche Nähe zur Geburt ihres dritten Kindes Katharina.  Vater Johann Georg (M14;12) heiratete bereits nach drei  Monaten wieder. Johann, sein Bruder Karl und die Schwester Katharina wuchsen in der Folgezeit zusammen mit fünf Stiefgeschwistern auf, eine konfliktträchtige Konstellation.

Am 23.08.1908 wurde in der jungen Familie Johann und Sophie Wolfhard der erste Sohn geboren: Friedrich Wilhelm. Der zweite Sohn, Jakob Emil folgte am 24. 11.1910. Das dritte Kind war ein Mädchen, Elisabeth, geboren am 05.11.1913.


Sophie Wolfhard mit ihrem Vater und den drei Kindern Wilhelm, Elisabeth und Emil. Albert ist noch nicht geboren. Das Bild stammt wahrscheinlich vom Spätjahr 1915.

Am 28. Juli 1914 brach der 1. Weltkrieg aus und brachte Unglück und Not über Europa, auch über die Familie des Johann Wolfhard. Er wurde am 17.06.1915 als Landsturm- mann eingezogen. Sophie Elisabeth musste sich nun mit ihren drei kleinen Kindern allein durchschlagen, mit dem vierten war sie schwanger. Dieses – Albert – kam am 20.12.1915 in Abwesenhheit des Vaters zur Welt. Der war in seine ersten Gefechte verwickelt: Vom 05.12.1915 bis zum März 1916 kämpfte er an der griechischen Grenze zur Unterstützung der türkischen Herrschaft. Dieser Frontabschnitt war – sieht man von den Kolonien ab – am weitesten vom Deutschen Reich entfernt. Im Juni 1916 wurde Johann in die Champagne verlegt. Hier kämpfte er in den blutigen, verlustreichen, schmutzigen Schlachten, in der „Hölle von Verdun“. Im Februar 1917 erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse und im August 1917 die Große Badische Verdienstmedaille am Band. Während um ihn herum Tausende sinnlos verheizt wurden, überlebte er das Grauen und blieb bis zum Kriegsende im belgisch – französischen Raum.

Johann Wolfhard als Soldat 1918.(Ausschnitt aus einem Gruppenfoto)

Johann wurde dreimal verwundet, musste seine Verwundungen aber immer in Frontnähe ausheilen. Heimaturlaub gab es in den Kriegsjahren für einfache Soldaten nicht. Zudem zog er sich durch den Daueraufenthalt im Freien bei Wind und Wetter, Regen und Kälte eine gefährliche Nieren-entzündung zu. Ein Lazarettaufenthalt zur Ausheilung der Krankheit wurde ihm verweigert, und mit den zugestandenen  doppelten Leibbin- den war ihr nicht beizukommen. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Damit endete das sinnlose Töten an der Front, und Johann Wolfhard kehrte am 05. Dezember 1918 nach Michelfeld zurück.

Hier steigerte sich das Drama durch persönliches Elend: Seine Frau Sophie war am 17. November an einer Grippe mit Lungen-entzündung gestorben, geschwächt durch Hunger und Not. Der heimgekehrte kranke Soldat stand nun mit seinen vier kleinen Kindern allein da, konfron- tiert mit den schweren Nachkriegsverhältnissen. Die Not war unbeschreib- lich, zum Verzweifeln. Wie die Kinder die Zeit nach dem Tod der Mutter und bis zur Heimkehr des Vaters überstanden haben und wie der Witwer mit seiner Kinderschar zurechtkam, ist im Detail nicht mehr auszumachen. Die spärlichen Äußerungen der Kinder den Enkeln gegenüber, lassen Ungutes vermuten.


Rosa Wolfhard geb. Löffler an Ostern 1963 mit ihrem Enkel Jörg Wolfhard (17;15)

Eine Änderung der Verhältnisse trat ein, als Johann 1920 eine zweite Ehe einging. Sophie Kurzmann, eine entfernte Verwandte des Johann, vermittelte ihm ihre Freundin, die 28-jährige Rosa Löffler aus Eppstein im Taunus. Beide Frauen lebten und arbeiteten damals in Frankfurt, Rosa in einem herrschaftlichen Haushalt, der allen Komfort der damaligen Zeit bot. Für sie kam der Wechsel nach Michelfeld einem Sturz ins eiskalte Wasser gleich. In Frankfurt arbeitete sie in einem bürgerlichem Milieu, nun wechselte sie in einen bettelarmen dörflichen Arbeiter- haushalt mit vier Kindern, 12, 10, 7 und 5 Jahre alt und einem kranken, 13 Jahre älteren Witwer als Mann. Die Not der damaligen Jahre war allgemein groß, doch die Not in der Familie von Johann und Rosa muss besonders drückend gewesen sein.

Trotz Armut und Krankheit: Johann und Rosa scheinen sich gut zu verstanden zu haben. Am 16. 05 1920 war die Trauung, am 19.02.1921 kam ein tot geborenes Mädchen auf die Welt. Es folgten am 26.06.1922 Else und am 31.08.1924 Otto. Die Nachkriegszeit war für Johann Wolfhards Familie keine gute Zeit. Als Zigarrenmacher hatte er nur ein äußerst schmales Einkommen. Die Löhne damals waren auf Frauenarbeit zugeschnitten und entsprechend niedrig. Es wurde häufig von blanker Not in seinem Haus- halt erzählt. Außerdem ist Johann von seiner Nierenkrankheit nie mehr ganz genesen. Trotzdem wurde er als ein Mann mit einem feinen Humor beschrieben.

Johann starb am 25. Mai 1927 im Krankenhaus Sinsheim. Seine Witwe Rosa lebte noch bis zum 06.05.1976.

Beim Tod von Vater Johann waren der älteste Sohn Wilhelm 19 Jahre alt, Emil 18 Jahre, Elisabeth 14 Jahre und Albert 11 Jahre. Die Kinder von Rosa Wolfhard, Else und Otto, fünf und drei Jahre.

Wilhelm setzte sich als erster von Michelfeld ab. Er heiratete am 06.11.1934 Maria Keller aus Lippertsreute und fand beim Zoll Arbeit und Brot. Wilhelm und Maria hatten zwei Kinder: Christa (*03.03.1935, † ) und Manfred (* 05.10.1936).

Auch Emil verließ das Elternhaus, blieb allerdings noch in Michelfeld wohnen. Er heiratete am 30.11.1935 Elsa Bender. Ein erstes Kind, Eleonore, starb am 26.06.1936, vier Tage nach seiner Geburt. Emil war zuerst selbständi- ger Kaufmann. Da er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten, wurde er durch die örtlichen Parteimitglieder heftig gemobbt. Er musste seinen Laden aufgeben und beim Autobahnbau bis an die Grenze seiner Belastbarkeit arbeiten. 1944 wurde er unter der Beschuldigung, Feind-sender zu hören und die Polen in seinem Tabaklager zu gut zu behandeln, in Heidelberg zehn Tage inhaftiert. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete er als Angestellter bei ver- schiedenen Firmen der Tabakindustrie. Emil und Elsa hatten drei Kinder: Die erwähnte Eleonore, Manfred (*12.01.1939) und Elke (*19.12.1945). Emil starb am 21. Juni 1968, Elsa am  04. September 1994.

Elisabeth nahm so bald wie möglich eine Dienststelle in Heidelberg an. Sie heiratete den Landwirt Georg Braun aus Eschelbronn. Sie hatte drei Kinder: Inge (* 08.01. 1937), Lina und Elisabeth. Mutter Elisabeth starb bei der Geburt ihrer dritten Tochter.

Von Albert hieß es bald, er sei „durchgebrannt“. Er fand im Kaiserstuhl eine neue Heimat, wo er Lydia Bumen aus Oberrottweil heiratete. Albert und Lydia hatten drei Söhne: Albert (*08.11.1939), Karlheinz (*23.11.1940) und Paul Luzian (*22.12.1944) Vater Albert ist in den letzten Kriegsmonaten gefallen.



Elsa Rosa, genannt Else, geb. am 26.06.1922, hatte im Elternhaus zwar eine umsorgte Jugend, die aber hart an der Armutsgrenze verlief. 1938 verbrachte sie das "Pflichtjahr für deutsche Mädchen" in Querfurth (Sach-sen-Anhalt). Ab 1940 war sie beim "Reichsarbeitsdienst" in Krems an der Donau (Österreich) 1941 wurde sie als Helferin in ein Krankenhaus nach Wien versetzt. Hier lernte sie den verwundeten Soldaten Hugo Groppen- berger kennen, den sie 1942 heiratete. Nach dem Krieg zog sie mit Schwiegermutter, Mann und einem Hand- wagen zu Fuß von Wien nach Michelfeld, wo sie bei Mutter im Elternhaus unterkamen. Nach ihrer Rückkehr nach Wien 1947 ließ sie sich als Krankenschwester ausbilden.  Else und Hugo hatten keine Kinder. Hugo starb bereits 1979 beim Pilzesuchen, Else am 25. Oktober 2016 im Pflegeheim in Wien.

Otto, geboren am 31.08.1924, zog sehr jung in den Krieg und überstand die Kriegs- jahre  auf dem Balkan unverletzt. Er heira- tete am 27.06.1957 Hannelore Schäfer aus Neckarsulm. Er wohnte in Kornwestheim und arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Ingenieur. Otto starb am 22.10.2014. Otto und Hannelore hatten drei Söhne: Fritz Ulrich (*08.10.1959), Jörg Michael (*02.12.1962, † 05.12.1985), Hans Christian (*20.04.1964).