Manfred Wolfhard

Familiengeschichte

Der erste Wolfhard in Michelfeld:
Johann Georg

Es war eine schwere Zeit in der Johann Georg Wolfhard 1805 nach Michelfeld heiratete. Zu Beginn des Jahres hatten die Heere Napoleons den Rhein überschritten und bereiteten die größte Machtentfaltung des französischen Herrschers vor. Dühren und Michelfeld gehörten inzwischen zu Baden, also zum Machtbereich Napoleons und damit zum Aufmarschgebiet napoleonischer Armeen. Seit 1806 unterstanden beide Dörfer Bezirksverwaltung Waibstadt.

In der ersten Jahreshälfte 1805 belastete dieser Aufmarsch der französischen Heere in Südwestdeutschland die Einwohner der Dörfer in hohem Maße. Sie mussten Fourage und Kriegsmaterial transportieren und Schanzarbeiten leisten. Mit ihren Fuhrwerken waren sie bis Philippsburg, Graben und Wiesental unterwegs und transportierten Vorräte für die Truppen. Außerdem mussten Soldaten und Pferde einquartiert und verpflegt werden.(1) „Nebenbei“ hatten die Bauern auch noch ihre Felder zu bestellen.
Johann Georg, Sohn des Küfers Johannes Wolfhard und der Anna Maria, geb. Landes wurde am 26.07.1784 in Dühren geboren. Er war das neunte Kind der Familie. 1791 starb der Vater, 1797 die Mutter. Wo und wie Johann Georg - nachdem er mit 13 Jahren verwaist war - seine Jugendzeit verbrachte, ist nicht überliefert. Aber es kann davon ausgegangen werden, dass er Wärme, Anschluss

und Selbständigkeit suchte, denn bei seiner Heirat war er verhältnismäßig jung: 20 Jahre. Seine Braut Elisabetha Lutz aus Michelfeld war gerade mal 4 Monate jünger als er. Sicher kannten sich die jungen Leute schon länger, und als Elisabeth in Frühjahr 1805 ihre Schwangerschaft erkannte, war Eile bei der Vermählung geboten. Die Hochzeit fand dann am 05. Juli 1805 in Michelfeld statt, und hier ließ sich das junge Ehepaar auch nieder. Von der Eheschließung sind schriftliche Unterlagen erhalten: Der Dührener Freibrief des Johann Georg bescheinigte ihm, dass er ein freier Bürger war, an keine Herrschaft gebunden.

Freibrief des Johann Georg Wolfhard, Wortlaut: "Als wird der Wahrheit gemäß (d)amit attestirt, daß obgemeldter Johann Georg Wolfhard aus einer Ehe dahier erzielet und in der Evangelisch Lutherischen Religion erzogen worden, sich aber auch jederzeit gut und ehrlich betragen und aufgeführet habe, fort desselben gesamtes elterliche Vermögen, nach Zeügnis der von Martini 1803 bis 1804 gestellten Pflegrechnung in 894 fl 9 hlr bestehe, übrigens derselbe seines Leibes Servitut irgend jemand zugethan sondern derselbe in alle wege frei und ledig seie und dahero ohngehindert auf und angenommen werden könne ..."

Am 19. Juli 1805 ließ die Brautmutter, die Witwe Catharina Lutz, auf dem Rathaus protokollieren,(2) welche Grundstücke sie ihrer Tochter Elisabeth überließ. Die junge Frau erhielt einen Weinberg, sechs Äcker und einen Garten. Damit waren Johann Georg und Elisabeth zwar nicht reich, hatten aber eine solide wirtschaftliche Grundlage.
Zur Berechnung der Vermögenssteuer des Paares wurde im Februar 1806 ein Inventarverzeichnis aufgestellt. Die Sachwerte des Johann Georg überstiegen nur wenig das, was er auf dem Leib trug:

                                         „Des Manns Beibringen
                                             welches besteht
                                        in eigenem Vermögen:
Baar Geld: 0
Bücher: 1 Marburger Gesangbuch 40 x (Kreuzer) Mannskleider:
1 dunkelblautuchener Rok und Kamisol 25 fl(Gulden)
1 hirschlederne Hose 5 fl
1 hellblau Brusttuch 2 fl 30 x
1 schwarz seiden Halstuch 48 x
1 grüne Samtkappe 3 fl
1 Huth 1 fl 30 x
1 P(aar) schwarze wollene Strümpf 1 fl
1P hamburger blaue (Strümpfe) 1 fl 20 x

1P Schu mit Schnallen 1 fl 30 x
2 Sacktücher 46 x
7 Hemden 7 fl
1 (Hemd) von Kauftuch 2 fl 30 x“   (3)
Summe der Sachwerte: 52 fl 36x

Besser sah es mit Johann Georgs Geldvermögen aus. Nach Abzug der Steuer belief es sich auf 877 fl 27x. Er hatte das Geld allerdings ausgeliehen, also nicht flüssig. Von den Zinsen an Martini 1805 (5%) konnte er immerhin schon erste Anschaffungen für seinen jungen Haushalt finanzieren.

Auch von Elisabeth wurde bis ins Kleinste aufgelistet, was sie in die Ehe mitbrachte, denn alles musste versteuert werden. Rührend ist, dass sie von ihrem Mann zur Hochzeit fünf Gulden geschenkt bekam, die ebenfalls zu versteuern waren. Ihr Kleiderbestand war 76 fl 33 x wert, dazu brachte sie Bettwäsche, Leinwand und 5 Pfund gehechelten Hanf mit. An Möbeln stellte sie einen tannenen Tisch, Lehnstuhl und Schemel, eine Bettlade, einen Kleiderschrank, eine Backmulde, eine Wiege, all das im Wert von 22 Gulden. Eine tragende Kalbin war der Grundstock des Viehbestands und war 26 fl wert. Die schon erwähnten Grundtücke ergänzten das Einbringen der Frau, so dass sich der Wert ihres Heiratsgutes auf 463 fl 13x belief.

Unterschriften unter der Vermögensaufstellung des Jungen Ehepaars.

Die Vermögensaufstellung musste von den Beteiligten unterschrieben werden.
Während Johann Georg bei seinem Vornamen unsicher war, hat Elisabetha Wolfhard eine klare und zügige Schrift. Ihre Mutter hingegen hat mit drei Kreuzen unterzeichnet, konnte also gar nicht schreiben. Johann Michel Wolfhard aus Dühren, der ältere Bruder des Johann Georg, fungierte wie die Mutter als Zeuge. Er findet sich auch später noch als Pate bei Kindern von Elisabeth und Johann Georg.

Das erste Kind der jungen Familie, Johannes (M13;1), benannt nach dem Dührener Großvater, wurde noch 1805 geboren (21. Dezember), starb aber schon am 28.12.
Die weiteren Kinder waren:

Das alte Rathaus im Michelfeld. Hier wurden die amtlichen Schriftstücke erstellt. Es stand gegenüber der evangelischen Kirche.

(M13;2) Christian Georg Gottlob *12.01.1807 ∞1. Katharina Linse, ∞2. Katharina Welz
Christian ist nach der 1848er Revolution mit seiner zweiten Frau und den
Kindern nach 1849 in die USA ausgewandert.
(M13;3) Katharina Margaretha *26.09.1808 †25.11.1810
(M13;4) Katharina Margaretha *29.09.1811 †26.07.1818
(M13;5) Johann Michael *28.04.1814 ∞ Katharina Brust †27.04.1886 Michael war
wie Christian Mitglied des demokratischen Volksvereins. Beide Brüder
wurden als Hochverräter verurteilt.
(M13;6) Katharina *17.01.1817 ∞ 22.10.1841 Jakob Schleweis †11.04.1867
(M13;7) Johann Georg *03.03.1820
(M13;8) Friederike Katharina *03.09.1821, wanderte 1846 in die USA aus.
(M13;9) Katharina Elisabeth *21.02.1824

Elisabeth und Johann Georg hatten schwere Zeiten durchzustehen. Zur Zeit Napoleons waren es die Kriegslasten. Dazu kamen nach 1810 mehrere Jahre mit Missernten. Absolute Katastrophenjahre waren 1816 und 17. Als „Jahr ohne Sommer“ ging 1816 in die Geschichte ein. Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf Indonesien führte weltweit zu einer verheerenden Klimakatastrophe.

Es kam zu totalen Ernteausfällen durch Unwetter, Hagel, Blitzeinschläge, Verwüstungen durch Sturm und Hagel im Juni. Die Staub-partikel in der Stratosphäre führten zu einem Mangel an Sonnenlicht und verursachten andauernden Kaltregen. Überschwemmungen verwüsteten Dörfer und Städte. Die Hochwassermarken am Sinsheimer Gerbertor zeigen bis heute das Hochwasser des Jahres 1816 als höchstes an. (4)

Die Folge war eine drückende Teuerung. Die Lebensmittelpreise stiegen binnen weniger Monate um mehr als das Doppelte, teilweise war überhaupt keine Versorgung mehr möglich.Der Tod hielt in diesen schweren Jahren auch bei Wolfhards seinen Einzug. Ein erstes Mädchen namens Katharina Margaretha starb während der napoleonischen Zeit 1810. Nachdem das nächste Mädchen 1811 ebenfalls Katharina Margaretha getauft worden war, starb es 1818, wohl durch die andauernde Not geschwächt. Die Buben Christian und Michael überstanden diese schweren Jahre.
Nach den Notjahren kehrte eine Zeit relativer Ruhe ein.

Die bürgerliche Kultur-epoche des Biedermaier stellte das Leben auf dem Dorf romantisch und konfliktarm dar. Dem war aber nicht so. Die Politik erstrebte die Wieder-herstellung vornapoleo-nischer Zustände. Aber die Bevölkerung hatte Freiheit gerochen und leistete zunehmend Widerstand. Die Haushalte waren durch die Ablösung grundherrlicher Rechte hoch belastet. Allein die Ablösung der Fron- dienste kostete die Ein- wohner Michelfelds 3.413 Gulden, die Ablösung des kleinen Zehnten kostete 8.400 Gulden, die des großen Zehnten 12.200 Gulden. Das Holzrecht ging für 12.000 Gulden an die Gemeinde über. All diese Kosten waren durch alle Einwohner Michelfelds an die Familie von Gemmingen aufzubringen – für jede Familie eine hohe Belastung, die nur durch Verschuldung zu tragen war..



Elisabeth starb am 01.01.1841, 56 Jahre alt Johann Georg im gleichen Jahr am 19.11., ebenfalls 56 Jahre alt. In ihrem Leben dürften Arbeit und Not überwogen haben. Frohe Stunden hat es da aber sicher auch gegeben.










Anmerkungen:

(1) Johann Jenne: Michelfeld, Das Dorf und seine Geschichte, Gemeinde Angelbachtal (Hg.) o.Z. Seite 64

(2) Gemeindearchiv Angelbachtal: Beilage zur Vermögensaufstellung von Johann Georg und Elisabeth Wolfhard

(3) Ebd.

(4) Emil Schumacher: 200 Jahre in die Vergangenheit: Vulkanausbruch legte Kraichgau lahm, Rhein-Neckar-Zeitung 29.04.2016