Manfred Wolfhard

Familiengeschichte

Christian Wolfhard (*1807) und Michael Wolfhard (1814-1886)

Bauern - Bürger - Hochverräter


Knapp 40 Jahre war Christian Georg Gottlob Wolfhard alt, als 1848 in Baden die Revolution gegen die Herrschaft des Großherzogs offen ausbrach. Sein jüngerer Bruder Johann Michael zählte 34 Jahre. Diese Revolution kam weder aus heiterem Himmel noch hatte sie eine einzige Ursache: Nach den napoleonischen Jahren strebten die alten Grundherrschaften – in Michelfeld die Gemminger - danach, die Zustände des 18. Jahrhunderts wiederherzustellen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Ablösung der feudalen Vorrechte verursachten Kosten, die von der steuerpflichtigen Bevölkerung zu stemmen waren. Gesteigerte Belastungen einerseits, Not, Missernten und Hungerkrisen andererseits führten zur Verschuldung der Bauern und zu offener Not der ärmeren Bevölkerungsteile.

Einen Höhepunkt europaweit erreichte die Krise 1846. In Michelfeld musste eine Suppenküche eingerichtet und eine vielköpfige hungrige Kinderschar der Armen in die volle Pflege der Gemeinde übernommen werden. Wegen Futtermangels mussten Bauern ihr Vieh verkaufen. In diesem Notjahr 1846 suchte auch die 24-jährige Friederika Katharina Wolfhard (M13;8), die jüngere Schwester von Christian und Michael, ein besseres Leben in den USA, zusammen mit anderen Auswanderern aus Michelfeld.  (1)
Öffentliche Maßnahmen zur Linderung der Not kamen zu spät. Die Revolution war nicht mehr aufzuhalten. Nicht durch landesweite Bemühungen und nicht durch lokale Anstrengungen. In Michelfeld zeigten sich schon im März 1848 Bauern, die mit Sensen und Dreschflegeln bewaffnet waren.  (2)  Ebenfalls im März erfolgte der Aufruf Heckers, im ganzen Land Volksvereine zu bilden, um den Gedanken der Demokratie, der sozialen Bildung, der Freiheit und Gleichberechtigung Geltung zu verschaffen.  (3) Die Aufzählung der Mitglieder für Michelfeld im Generallandesarchiv Karlsruhe – erstellt nach Niederschlagung des Aufstandes - nennt 63 Mitglieder.   (4)  In ihrer Gegnerschaft zum Regime des Großherzogs wollten sie zusammen mit anderen Freiheitskämpfern unter General Sigel den Heckerzug in Südbaden in seiner Forderung nach einer Republik unterstützen, doch badische und hessische Truppen vereitelten dies.

Erst als im Mai 1849 in Rastatt und Freiburg badische Truppen meuterten und sich mit revolutionären Bürgerwehren verbündeten, floh der Großherzog Leopold ins Exil nach Koblenz. In den Folgemonaten griffen hessische und preußische Truppen in Baden ein und besiegten die demokratischen Aufständischen. Mit dem Fall von Rastatt war der Aufstand für eine badische Republik beendet.

Die Mitglieder der Volksvereine wurden zum Teil äußerst hart bestraft. Christian und Michael Wolfhard kamen mit Arrest davon. Was ihnen genau vorgeworfen wurde, ist nicht genannt. Die höchste Strafe in Michelfeld erhielt der Bauer Jakob Freiß mit 10.485 Gulden. Er „hat sich als eifriger Wühler gezeigt und in einer Rede, welche der Lehrer Stey in Michelfeld gehalten hat, öffentlich Beifall gegeben und sich unehrerbietige Äußerungen über das Staatsobehaupt erlaubt“.  (5) Der Bauer Friedrich Schwenn „war Mitglied des Volksvereins und hat die Michelfelder zur Volksversammlung nach Mühlhausen geführt und bei diesem Zug eine blutrote Fahne vorausgetragen“.  (6) Das brachte ihm eine Strafe von 100 Gulden ein. Es waren Kleinigkeiten, die mit hohen Strafen belegt waren: „Hat Sympathie für die Revolution geäußert,“ – „hat revolutionäre Blätter vorgelesen,“ – „hat sich Aufreizende Reden erlaubt“.

Christian Georg Gottlob Wolfhard wurde am 12.01.1807 als zweites Kind der Familie Johann Georg und Elisabeth geb. Lutz geboren. Ein erstes Kind war im Dezember 1805 wenige Tage nach der Geburt gestorben.
Seine ersten Lebensjahre verlebte er, als Napoleon sich Kontinentaleuropas bemächtigte. Nach dem Abgang dieses Despoten und dem Hungerjahr 1816 konsolidierten sich die Verhältnisse leidlich. 1818 erhielt Baden eine liberale Verfassung, die liberalste damals in Deutschland!
Über Schulzeit und Jugend des Christian Wolfhard ist nichts überliefert. Mit 31 Jahren heiratete er am 12. Juli 1838 die 28-jährige Katharina Linse. Am 24. September 1838 wurde dem Ehepaar das erste Kind, Katharina Magdalena (14;1), geboren und noch am gleichen Tag getauft. Die Geburt des zweiten Kindes im Juli 1843, eines Söhnleins, das Johann Jakob (14;2) getauft wurde, geriet in der Familie zur Katastrophe: Die Geburt war am 10. Juli, Mutter Katharina starb am 29. Juli und
wurde am 30. Juli schnell beerdigt, „nach ärztl. Gutachten weil die Gestorbene schon sehr in Fäulniß übergegangen war“, wie Pfarrer Bilhuber im Sterbeeintrag festgehalten hat. Wahrscheinlich ist die Nachgeburt nicht ausgeschieden worden. Das Neugeborene starb dann ebenfalls am 30. Juli. Es wurde nach damaliger Sitte am Abend begraben.  (7)
Der Witwer Christian blieb mit seiner fünfjährigen Tochter nicht lange allein. Am 18. Januar 1844 heiratete er die 24-jährige Katharina Welz, mit der er bis 1853 noch vier Kinder hatte:
(14;3) Katharina Christine *30.10.1845
(14;4) Johann Michael *17.10.1849
(14;5) Georg Michael *17.05.1852
(14;6) Georg Christian *14.09.1853

Nach 1853 erscheinen von Christian Wolfhard in Michelfeld keine Einträge mehr. Er ist mit seiner Frau und den vier Kindern in die USA ausgewandert. Möglich wäre, dass er wegen seiner Aktivitäten in den Revolutionsjahren Repressionen ausgesetzt war, denn die badische Regierung war bestrebt, möglichst viele Aufsässige zur Auswanderung zu bewegen und so los zu werden. Aber dafür wurden noch keine Belege gefunden. Seine Tochter aus erster Ehe, Katharina Magdalena (14;1), blieb in Michelfeld und heiratete am 5. Februar 1863 den Bauern Gottlob Seeburger.

Johann Michael Wolfhard, Christians jüngerer Bruder, wurde am 24. August 1814 als fünftes Kind der Familie geboren. In diesem Jahr dankte Napoleon zum ersten Mal ab und musste die Insel Elba als Exil akzeptieren. Der Onkel des Neugeborenen, Michael Wolfhard aus Dühren, wurde Pate, so dass auf einen guten Kontakt der Dührener und der Michelfelder Wolfhard – Familie geschlossen werden kann. Auch bei Michael sind keine Unterlagen über seine Jugend und Ausbildung vorhanden. Wie üblich wurde er als Bauernjunge wohl schon früh in den elterlichen Betrieb eingespannt und lernte das Wirtschaften von seinen Eltern.

Als am 29. Dezember 1839 die ledige Katharina Brust ein Knäblein gebar, das am 5. Januar 1840 auf den Namen Jakob Heinrich getauft wurde, war die Vaterschaft nicht strittig. Eigenhändig bekannte sich der 25-jährige Johann Michael Wolfhard zu dem Kind. Allerdings heirateten Johann Michael und Katharina erst am 22. Oktober 1840. Ihre neun Kinder waren das Fundament für den Wolfhard-Clan in Michelfeld.

Vermerk im Taufregister Michelfeld 1840: "Ich erkenne dises Kind als das meinige an. Johann Michael Wolfhard".


Kinder des Ehepaars Johann Michael Wolfhard und Katharina geb. Brust:

(14;7) *29.12.1839 Jakob Heinrich ∞07.04.1864 Regina Elisabeth Müller † 25.06.1889 (10 Kinder)

(14;8) *25.10.1841 Christian 1.∞ 22.09.1866 Katharina Carola Dreher
2.∞ 28.02.1889 Regina Ziegler(Menzingen) † 27.05.1915 (9 Kinder)

(14;9) *10.07.1843 Johann Jakob † 30.07.1843 (20 Tage alt)

(14;10) *31.05.1844 Johann Michael 1.∞03.04.1873 Christine Kaufmann
2.∞31.10.1878 KatharinaKurzmann † 04.07.1887 (10 Kinder)

(14;11) *05.11.1845 Friederike † 16.03.1847

(14;12) *10.04.1848 Johann Georg 1.∞ 06.04.1874 Elisabeth Lutz 2.∞ 28.05.1885 Susanne Bender † 07.08.1910 (10 Kinder)

(14;13) *09.05.1849 Friedrich Johann ∞11.03.1875 Barbara Hoffmann † 04.05.1904 in Mannheim (3 Kinder)

(14;14) *25.07.1850 Katharina Regina † 07 08.1873

(14;15) *08.02.1852 Johann Ludwig † 19.02.1853

Katharina Wolfhard geborene Brust starb mit 63 Jahren am 11.02.1878,
Johann Michael wurde 72 Jahre alt und lebte noch bis zum 27.04.1886.
Beide erlebten also noch die Gründung des DeutschenKaiserreichs.

Der erste Hohenzollernkaiser, Wilhelm I., hatte sich als „Kartätschenprinz“ bei der Nieder-werfung des badischen Aufstands 1849 und bei der Belagerung Rastatts bei der demokratisch gesinnten Bevölkerung Badens einen traurigen Ruhm erworben – und sicher nicht die Sympathie des Johann Michael Wolfhard und seines Bruders Christian, der schließlich mit Weib und Kindern ins "Land der Freiheit" auswanderte.


Anmerkungen:

1 www.leo-bw.de/web/guest/detail: Auswanderer aus Michelfeld: Die Zusammenstellung des Generallandesarchivs nennt für 1846 - Michelfeld die folgenden Auswanderer: Christine Mahl, Babetta Marx, David Marx, Konrad Weyrich Rüsterholz, Christoph Stadelbauer, Jakob Welz, Friderika Katharina Wolfart

2 Johann Jenne: Michelfeld, Das Dorf und seine Geschichte, Gemeinde Angelbachtal (Herausg.) Seite 67

3 Wolfgang Haas: Friedrich Hecker, Leber und Wirken in Dokumenten der Mit- und Nachwelt, Gemeinde Angelbachtal (Herausg.) Seite 107

(4) GLA Karlsruhe, Bestand 236, Bestellnummer 8208

(5) Wolfgang Haas, a.a.O. Seite 16

(6) Ebd.

(7) Paul Graff: Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen Kirche Deutschlands, 2. Band , Göttingen 1939, Seite 279: Notgetaufte, tot geborene oder jung verstorbene Kinder wurden in einer "stillen Beisetzung" in der Abenddämmerung nach dem Abendläuten beigesetzt.